PragMein Geburtstagsgeschenk vom letzten Jahr führte uns vom 9. bis 11. Mai 2019 in die goldene Stadt an der Moldau. Bisher kannte ich Prag nur von Geschäftsreisen, also den Flughafen, das Taxi und die Hotels. Von der Stadt selbst, hatte ich bisher noch nichts gesehen. Am Donnerstagabend kamen wir mit einem verspäteten Swiss-Flug in Hotel Old Royal Post an. Das war die erste schöne Überraschung unserer Wochenendtour. Wir wohnten in der Karl IV Suite, in der eine Hermelin Robe auf einer Schneiderpuppe zum Anprobieren einlud.

Am ersten Abend reichte es noch für einen kurzen Spaziergang auf die Karlsbrücke um die Kleinseite mit den beleuchteten Prachtbauten inkl. der Burg zu bewundern. Selbst um diese späte Zeit herrschte auf der Brücke noch viel Touristengedränge. Zum Abschluss des ersten Abends gab es auf der Terrasse des Pod Vezi am Fusse der Brücke heisse Suppe, eine deftige Wurst und das erste tschechische Bier.

 

Freitag

Nach einem guten Frühstück ging es am Freitagmorgen auf zur Erkundung der Kleinseite. So heisst der Prager Stadteil links der Moldau. Ohne festen Plan aber mit grober Richtung schlenderten wir durch die mittleralterlichen Gassen, immer aufwärts Richtung einer der Hauptattraktionen. Die Prager Burg bildet das größte geschlossene Burgareal der Welt und liegt auf dem Hradschin, einem Bergsporn in der Stadt. Wir hatten vor, die Burg über die unterhalb liegenden Gärten zu erreichen; leider waren diese entweder geschlossen, nicht zugänglich oder wurden uns aufgrund eines fehlenden 50 Kronenstückes verwährt. So erreichten wir über die Touri-Rampe gemeinsam mit tausenden Asiaten den innersten Hof mit dem höchsten Gebäude am Platz, dem Veitsdom mit seinen herrlichen Mucha-Fenstern.

Aufgrund der Menschenmassen und der schieren Menge an Besichtigungsmöglichkeiten, fühlten wir uns etwas überfordert. Für jede Kammer, jedes Gewölbe und jeden Rittersaal war eine andere Eintrittskarte nötig und andere Besichtigungszeiten ausgeschrieben. Da wir weder Tickets hatten noch Zeiten beachten wollten, ignorierten wir die Kulturfülle und strebten zügig durch die Anlagen. Auch den Eingang zum Goldenen Gässchen, in dessen Hausnummer 22 einst Franz Kafka wohnte, haben wir verpasst.

Dann ging es weiter vorbei am Loreto-Kloster zum Strahov-Kloster in dessen Gartenwirtschaft wir die typisch tschechische Gulaschsuppe im Brot genossen. Das Koster liegt auf halber Höhe des Petrinhügels, von wo aus man einen tollen Ausblick über die gesamte Kleinseite hat. Mit Bier in den Beinen erklommen wir anschliessend die Petrinhöhe. Dort oben gibt es eine kleine Ausgabe des Pariser Eiffelturms und weitere Attraktion der Prager Naherholung wie die Hasenburg, eine mittelalterliche Festungsanlage. In Serpentinen entlang der Standseilbahn führte unsere Weg wieder hinab zu den Gassen der Kleinseite.

Der Abstieg vom Stadthügel endete beim Kampa Museum für moderne Kunst. Ralf konnte sich dort für die lange Reihe gelber Pinguine begeistern, die die Cracking Art Group dort auf einer Art Mole im Ufer aufgestellt hat. Bemerkenswert sind auch die krabbelnden Babies von David Cerny an der Seite des Museums. Während des Wochenendes begegneten uns noch weitere Kunstwerke dieses verstörend-genialen Prager Künstlers. Ein Klick auf den Link zu seiner Webseite lohnt sich für jeden Liebhaber moderner Kunst. In Prag wird er geliebt und gehasst für seine Kunst, die oft auf Missständige in der Welt und in Tschechien aufmerksam macht.

Nach diesen künstlerischen Impression zog es uns zum Ausruhen auf die Schützeninsel mitten in der Moldau. An der Nordspitze befindet man sich genau vis-a-vis der Karlsbrücke und bietet vom kleinen Sandstrand eine ganz andere Perspektive auf die berühmte Brücke. Anschliessend ging es zurück in den belebten Stadtkern. Dort spazierten wir die belebte Nerudagasse hinauf. Hier gibt es unzählige Kleinläden, Restaurants und Verpflegungsstände. Einer davon fand unser Interesse; im Offenausschank des Cafes La Torta werden frische Trdelnik gebacken. Diese traditionellen Teigrollen werden spiralförmig um eine Metallwalze gewickelt, über einen Freuer drehend gebacken und danach in Zimt gewälzt. Je nach Geschmack werden sie mit Eis, Vanillecreme, Schokolade oder Pflaumenmus gefüllt bzw. innen eingestrichen. Die Rollen sind sehr lecker und eine klare kulinarische Empfehlung für jeden Pragbesucher.

Zum Apero fanden wir einen Platz in der Bar Certovka direkt am Teufelsgraben gelegen. Hier fahren die kleinen Touristenboote und die Gondeln ein uns aus. Ja, ihr habt richtig gelesen; in Prag gibt es Gondeln, die exakt wie die venezianischen Original aussehen inklusive der Gondoliere im klassischen blau-weissen Streifenhemd. Für das Abendessen folgten wir einem Insidertipp; ein tschechischer Arbeitskollege hatte uns das Restaurant U Vejvodu in der Altstatt empfohlen. Ein sehr gute Empfehlung; hier gibt es frisch gezapftes Pilsener Urquell und leckere tschechische Gerichte. Die böhmische Ente mit Rotkraut und Variationen von Knödeln hat uns hervorragend geschmeckt.

 

Samstag

Für den Samstag hatten wir uns die Altstatt vorgenommen; das ist der Stadteil auf der rechten Moldauseite. Auf dem Weg zu den öffentlichen Verkehrmitteln fanden wir zufällig die John Lennon Graffitimauer ganz in der Nähe unseres Hotels. Diese Mauer wird seit Jahrzehnten immer wieder mit neuen Graffitis übermalt und spiegelt den Zeitgeist wider. Mit Tram und U-Bahn fuhren wir von der Kleinseite hinüber in die Altstatt bis zum Nationalmuseum am Wenzelsplatz. Dieser ist kein Platz, sondern ein langer und breiter Boulevard, auf dem sich in früheren Zeiten der Pferdemarkt befand. Den Besuch des Nationalmuseums hatten wir für Regenwetter eingeplant. Da es jedoch trocken blieb, erkundeten wir die Architektur entlang des Wenzelsplatzes. Dort findet man einen Mix aus Kubismus, Jugendstil und Art Deco Gebäuden. Sehr schön ist die Glaskuppel der Koruna-Gallerie und die Fassade des Grand Hotel Europa. Am Ende des Boulevards bogen wir rechts in die Fussgängerzone der Na Prikope ein. Diese führt entlang von imposanten Bankgebäuden zum Platz der Republik. Dort gibt es architektonische Gegensätze zu bestaunen: der monumentale Stil der Tschechischen Nationalbank steht im Kontrast zum alten Pulverturm, an den sich das Gemeindehaus anschliesst. Mit seinen hell beleuchteten Jugendstilräumen (Cafe und Restaurant) ist dieses Gebäude eine Augenweide.

Weiter ging es zum Altstädter Ring, dem zentralen Platz in der Altstadt. Hier tobt das Leben: Strassenkünstler, Touristengruppen, Cafes, Restaurants und sogar eine chinesische Demonstration mit Musik und Sprechchören erwarteten uns. Der Platz ist umgeben von der Teynkirche mit ihren zwei riesigen Türmen, die gleich aussehen, es aber doch nicht sind. Gegenüber steht das Altstädter Rathaus, ebenfalls mit einem grossen Turm. Die Besonderheit dieses Gebäudes ist jedoch die astronomische Uhr unten am Turm. Sie besteht aus zwei Zifferblättern und einem Figurenspiel. Die Geschichte dieser Uhr würde den Umfang dieses Wochenendberichtes sprengen; deshalb empfehle ich den verlinkten Artikel zu lesen.

Auf dem Platz wurden wir vom plötzlich einsetzenden Regen überrascht und flohen in das nächstbeste Cafe im angrenzenden Judenviertel. Die zufällige Wahl entpuppte sich jedoch wie so oft als Glücksgriff. Das Kafka Snob Food serviert dekonstruierte Speisen ganz im Geiste Kafkas. Das freundliche Personal und die leicht irritierende Einrichtung hinterliess bei uns einen positiv-kafkaesken Eindruck. Im weiteren Verlauf des Nachmittags irrten wir planlos durch die Altstadt und verliessen uns ganz auf unseren Instinkt bei Stadtbesichtigungen. So fanden wir - auch wieder zufällig - den Retro-Schuhladen Botas 66. Botas war in Osteuropa, was Adidas für den Sport in Westeuropa war und ist, der Hersteller von Sportschuhen seit den sechziger Jahren. Bei Botas 66 gibt es die alten Treter im Retro-Design. Leider fanden wir, dass die Detailtreue zum Original von damals nicht ganz erreicht wurde; sonst hätten wir ein oder zwei Paare gekauft.

Unsere Füsse waren der Meinung, dass die Besichtigung der Altstadt langsam ein Ende finden könnte. Daher gingen wir zurück auf die Kleinseite und überquerten dabei wieder die Karlsbrücke. Auf dieser Hauptsehenswürdigkeit Prags kummulieren die Touristenströme; teilweise muss man den Selfiesticks aktiv ausweichen. Die Brüstungen der Brücke werden von 30 Statuen geschmückt, die Heilige oder Patrone darstellen. Seit 1965 wurden die Originale (im Nationalmuseum) nach und nach durch Repliken ersetzt. Doch auch diese werden durch Kameras überwacht um Vandalismus zu erschweren. Das funktioniert mehr oder weniger gut; es wurden schon Finger und Nasen abgebrochen. Die Liebe zur Esoterik sieht man bei manchen Statuen mit Metallfresken an den blankpolierten Stellen. Glück widerfährt derjenigen, die den Rücken des Hundes streichelt oder seine Finger auf die fünf Sterne des Johannes Nepomuk legt; haben wir natürlich auch gemacht.

Die Aperozeit verbrachten wir im Cafe des Kafka Museums auf der Kleinseite. Auf dem Platz vor dem Museum steht eine weitere berühmte Installation von David Cerny: zwei Männer pinkeln auf den Umriss von Tschechien. Dabei kann das Pinkelmuster durch SMS gesteuert werden. Die Beiden pinkeln dann die Buchstaben aus der SMS in das tschechische Becken. Ein heftiger Regen mit Hagel vertrieben uns ins Innere des Cafes, wo wir auf das Taxi für die Rückfahrt zum Flughafen warteten.

Mit anderhalb stündiger Verspätung (wer hätte das gedacht) flogen wir zurück nach Zürich mit den Erinnerungen an ein schönes, lehrreiches und inspirierendes Geburtstagswochenende im Gepäck.